Bei steigenden Bevölkerungszahlen braucht es viel mehr Wohnraum – ein Gespräch mit Sibylle Wälty

Zürich soll eine «Stadt der kurzen Wege» werden. Das ist im seit 2020 geltenden kommunalen Richtplan SLöBA festgeschrieben. Doch die heutige Bau- und Zonenordnung (BZO) hemmt die Umsetzung: Sie stammt aus den 1990er-Jahren und hat die Revision des Raumplanungsgesetzes, wonach bauliches Wachstum durch Innenentwicklung erfolgen soll, noch nicht integriert. Im Gespräch erklärt Sibylle Wälty, wie Legislative, Verwaltung, Grundeigentümer, Investoren und Bevölkerung gemeinsam mehr Wohnraum schaffen und sogenannte «10-Minuten-Nachbarschaften» ermöglichen können.

Welche Rolle spielt die Bau- und Zonenordnung (BZO) für die bauliche Entwicklung Zürichs?

Als Grundordnung der Nutzungsplanung ist sie der grösste Hebel, um in Zürich mehr Wohnraum zu schaffen. Sie legt eigentümerverbindlich fest, wo wie dicht gebaut werden darf, welche Nutzungen zulässig sind und wie viel Wohnraum entsteht. Die BZO muss eigentlich alle 15 Jahre gesamt revidiert werden. Die heutige BZO ermöglicht jedoch an den geeigneten Standorten zu wenig Wohnraum. Nur durch eine Anpassung der BZO können mehr Wohnraum und damit auch mehr funktionierende 10-Minuten-Nachbarschaften entwickelt werden.

Was ist eine 10-Minuten-Nachbarschaft?
Eine 10-Minuten-Nachbarschaft ist ein Gebiet, in dem die wichtigsten täglichen Ziele – Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Bildung, Versorgung und öffentlicher Verkehr – in rund zehn Minuten zu Fuss erreichbar sind. Dafür braucht es in einem 500-Meter-Radius mindestens 10’000 Einwohnerinnen und Einwohner und rund 5’000 Arbeitsplätze, sodass Wohn- und Arbeitsdichte im Gleichgewicht stehen. Nur so sind den ganzen Tag über genügend lokale Kunden vorhanden, um ein lebendiges und attraktives Quartierleben garantieren zu können.

Wird Zürich in diese Richtung entwickelt?
Zumindest nicht genügend. Die Innenentwicklung wird aktuell oft blockiert: Gestaltungspläne, eigentlich ein wichtiges Instrument, sind politisch überfrachtet, dürfen nicht erheblich von der Grundordnung der BZO abweichen – und die Grundordnung gibt nicht genügend her. Neuer Wohnraum ersetzt häufig alten mit nicht ausreichend zusätzlichem Wohnraum, wodurch die Preise steigen. Ziel muss bei steigenden Bevölkerungszahlen sein, viel mehr Wohnraum zu schaffen, nicht nur bestehenden zu ersetzen.

Zur Person

Dr. sc. Sibylle Wälty ist Architektin, Immobilienökonomin und ETH-Dozentin. Als CEO von Resilientsy berät sie private und öffentliche Akteure bei nachhaltiger Raum- und Immobilienentwicklung.

Führt die städtische Wohnpolitik zu einer Verbesserung der Situation?
Die Stadt verfolgt das sogenannte Drittelsziel – ein Drittel gemeinnützige Wohnungen bis 2050. Das Ziel ist richtig, aber aktuell schlecht verankert und schlecht umgesetzt. Es hemmt die Wohnraumschaffung, weil es politisch formuliert, aber nicht verbindlich in die BZO integriert ist. Eine moderne Grundordnung würde klar regeln, dass in bestimmten Gebieten, wenn mehr Wohnraum entsteht, ein Anteil an gemeinnützigem Wohnraum entsteht. So liesse sich das Drittelsziel erreichen, ohne den Gesamtwohnraum künstlich zu verknappen.

Welche Rolle kommt den einzelnen Stakeholdern auf dem Weg zu mehr Wohnraum zu?
Die Legislative kontrolliert die Verwaltung und kann durch Vorstösse sicherstellen, dass die BZO das Potenzial für Innenentwicklung und Wohnraumschaffung ausschöpft. Die Verwaltung setzt die Vorgaben praktisch um und legt die Spielregeln fest, nach denen Eigentümer und Investoren bauen können. Eigentümer und Investoren können nur innerhalb dieser Rahmenbedingungen aktiv Wohnraum schaffen, sie können aber von Behörden einfordern, an geeigneten Lagen in der Grundordnung den Bau von mehr Wohnraum zu ermöglichen. Die Bevölkerung, vor allem die Mietenden, sollten wiederum ein Interesse an mehr Wohnraum haben. Sie kann über politische Partizipation und Mitwirkung die Schaffung von mehr Wohnraum einfordern.

Was genau benötigt Zürich?
Zürich braucht viel mehr Wohnraum in gut erschlossenen ÖV-Lagen, das betrifft fast die gesamte Stadt. Die Grundordnung sollte geeignete Aufzonungen, höhere Wohndichten und verbindliche Anteile an gemeinnützigem Wohnraum ermöglichen.

Und in der Umsetzung?
Legislative und Verwaltung sorgen für Transparenz, Kontrolle und verlässliche Umsetzung. Eigentümer und Investoren fordern aktiv für ihre Parzellen Grundlagen in der Grundordnung für mehr Wohnraum ein und bauen mehr Wohnraum. Und die Bevölkerung profitiert von stabilen Preisen und lebendigen Nachbarschaften.

Das Beispiel Flawil zeigt, wie datenbasierte Analysen helfen können, Handlungsbedarf und Umsetzungsmöglichkeiten aufzuzeigen: Drei Szenarien – Weiter wie bisher, qualitätsvolle Innenentwicklung und 10-Minuten-Nachbarschaften – machen sichtbar, welches Potenzial Ortskerne oder Nachbarschaften für mehr Wohnraum entfalten können, wenn die planerischen Rahmenbedingungen es zulassen. Solche Analysen fehlen in Zürich bislang.