Bund erwartet Verschärfung, Aktionsplan braucht mehr Zeit

Das Bundesamt für Wohnungswesen hat die Ergebnisse der ersten Umfrage zum «Aktionsplan Wohnungsknappheit» des Bundes publiziert. Zu den Ergebnissen hat «Fürschi Züri» Martin Tschirren, den Direktor des Bundesamts für Wohnungswesen, befragt.

Zur Erinnerung: Der Aktionsplan entstand als Resultat der runden Tische, die Bundesrat Guy Parmelin 2023 und 2024 einberufen hatte, um das Wohnungsproblem anzugehen. Der Plan enthält mehr als 35 Massnahmen. Die Bilanz der ersten, jährlichen Umfrage unter den Teilnehmern des runden Tisches ist ernüchternd. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt habe sich verschlechtert. Der Aktionsplan wird als nur bedingt geeignet angesehen, Abhilfe zu schaffen.

 

Herr Tschirren, wenig überraschend sagen die Befragten mehrheitlich, dass die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteige. In welchen Regionen erwarten Sie in den nächsten Monaten eine weitere Verschärfung?

Die Frage nach den regionalen Unterschieden haben wir in der Umfrage nicht gestellt. Aber es werden vor allem jene Regionen sein, in denen bereits heute eine grosse Nachfrage besteht. In der Deutschschweiz sind dies vor allem der Grossraum Zürich und die Zentralschweiz, aber auch gewisse Tourismusregionen. Weil in diesen Regionen das Wohnungsangebot bereits sehr knapp ist, dürfte sich die Anspannung auch in andere Regionen ausbreiten.

 

Zur Massnahme «Ausnützungsziffern erhöhen oder Grenzabstände reduzieren», gibt es noch keine Antworten. Angesichts dessen, dass in der Umfrage die Städte die aktuelle Situation kritisieren, ist dies erstaunlich. Erwarten Sie hierzu in den nächsten Monaten Inputs?

Richtig, zu dieser Massnahme, die in der Zuständigkeit der Kantone, Städten und Gemeinden liegt, haben wir keine Antworten erhalten. Ich hoffe, dass wir bei einer der nächsten Umfragen mehr dazu berichten können.

 

Zur Person

Martin Tschirren (1971) leitet seit März 2020 das Bundesamt für Wohnungswesen (BWO). Seine vorhergehenden beruflichen Stationen waren stellvertretender Direktor beim Schweizerischen Städteverband (2008-2020), Leiter Public Affairs bei einem Wasserkraftwerk im östlichen Berner Oberland (2005-2008) sowie Diplomat beim Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA (2000-2005). Er studierte Geschichte und Theologie an den Universitäten Freiburg (CH) und Nijmegen (NL) und bildete sich in Verwaltungsrecht, Kommunikation und Raumplanung weiter.

 

In die gleiche Richtung geht auch die Massnahme «prüfen und gegebenenfalls Anpassen der kommunalen Zonenpläne». Auch hier liegt Potential und auch hierzu gibt es noch keine Antworten. Haben Sie hierfür eine Erklärung?

Die Anpassung von planerischen Grundlagen nimmt meistens viel Zeit in Anspruch. Auch wird man wohl nicht sofort wieder eine BZO-Revision in Angriff nehmen, wenn man gerade eine abgeschlossen hat. Aber vielleicht lassen sich auch mit kleinen, punktuellen Anpassungen Fortschritte erzielen.

 

Bereits in Arbeit ist laut Umfrage der Punkt «Durchlässigkeit und Durchmischung von Arbeits- und Wohnzonen erleichtern». Stadtplanerisch wurde in diese Richtung schon mehrfach Kritik am Status Quo geübt. Welches Potential sehen Sie hier?

Die Trennung von Arbeits- und Wohnzonen, die ursprünglich auch dem Schutz vor schädlichen Immissionen diente, hat heute an vielen Orten an Bedeutung verloren – auch weil viele gewerbliche und industrielle Tätigkeiten emissionsarm sind. Deshalb lohnt es sich zu prüfen, ob die Trennung von Arbeits- und Wohnzonen an geeigneten Orten gelockert werden kann und die Durchmischung von Wohnen und Arbeiten vermehrt möglich ist. Natürlich muss man dies jeweils ortsspezifisch anschauen und die Auswirkungen fürs Gewerbe ebenso wie für die Wohnqualität gut abklären. Dafür ist ein Projekt der Tripartiten Konferenz (von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden) in Vorbereitung.

 

Der Massnahmenplan thematisiert auch, wie Mehrausnützungen mit der Schaffung von preisgünstigen Wohnungen verbunden werden können. Sprich, wie Private dazu beitragen können, rasch mehr günstige Wohnungen zu realisieren. Aus unserer Sicht ein zentraler Punkt. Die aktuelle Befragung hat dazu jedoch noch nicht viel ergeben. Was erwarten Sie hierzu in den nächsten Monaten und wie beurteilen Sie das Potential?

Wenn Städte und Gemeinden bspw. bei Aufzonungen einen Anteil von preisgünstigem Wohnraum festlegen, können Sie damit auch auf die Entwicklung des lokalen Wohnangebots Einfluss nehmen. Um die Städte und Gemeinden bei der Festlegung derartiger Vorgaben zu unterstützen, sind wir daran, einen Standard für preisgünstigen Wohnraum zu erarbeiten. Dieser soll die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für preisgünstigen Wohnraum und dessen langfristige Sicherung definieren. Ich habe den Eindruck, dass inzwischen breit akzeptiert ist, dass es auch einen ausreichenden Anteil von preisgünstigem Wohnraum braucht.