Zürich und Agglomeration müssen durchdacht verdichtet werden – ein Interview mit Thomas Sevcik

Die Vereinigung «Urbanistica», der Thomas Sevcik angehört, publizierte im Februar 2025 die «Raumstrategie Schweiz 2070».  Das Konzeptpapier versteht sich als Gegenentwurf zum «Raumkonzept Schweiz» des Bundes vom Dezember 2024. Inhaltlich plädiert Urbanistica schwerpunktmässig für Verdichtung und die Aufwertung von Agglomerationsgemeinden.

Im Interview mit Fürschi Züri erläutert Thomas Sevcik, wo er die konkreten Probleme Zürichs sieht, und was geschehen müsste, damit sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt entschärft.

 

Ihr Papier versteht sich gesamtschweizerisch. Was bedeutet es für die Region Zürich?

Die Schweiz verstädtert. Aber nur zum Teil auf eine gute Art. Die öffentliche Hand will vieles über die Mobilität lösen, über einen Ausbau des ÖV. Denn das ist einfacher als Ortsgestaltung. Aber damit fördert sie die Zersiedelung, auch im Kanton Zürich.

Wir plädieren demgegenüber für eine Polyzentrik. Sprich, grössere Agglomerationsgemeinden um Zürich würden mit guter Qualität baulich verdichtet und vom gesamten Angebot her aufgewertet. Städtische Blockrand-Bebauungen etwa finden sich bis heute nur selten in der Agglomeration. Damit würde man unter anderem auch «bessere Adressen» schaffen. Wenn attraktives Wohnen, Arbeitsplätze, Kultur- und Konsumangebot sowie Erholungsraum dort nahe beieinander liegen, verliert Zürich an Sogwirkung. Schauen sie nach Paris. Nur ca. 2 Mio. Menschen leben auf dem eigentlichen Stadtgebiet («Intramuros»). Dennoch verstehen sich auch die 6-7 Mio. Bewohner in den umliegenden Vororten als Pariser. Ein paar gute Beispiele haben wir bereits, so etwa einzelne Projekte im Limmattal oder das Richti-Areal in Wallisellen.

 

Welche Entwicklung erwarten Sie für den Kanton Zürich, wenn die Raumplanung weitergeht, wie vom Bund skizziert?

Wenn das Wachstum wie vorgesehen kommt, rechnet man mit 1.8 bis 2 Mio. Einwohnern im Jahr 2040 – damit hätte der Kanton Zürich gleich viel Einwohner wie der Stadtstaat Hamburg bzw. würde Hamburg überholen! Wenn wir nicht städtisch bauen, kommt es weiter zu Zersiedelung mit S-Bahn-Anschluss. Ich komme aus dem  Knonauer Amt. Wenn ich dort mit den Leuten rede, sind sie mehrheitlich noch zufrieden. Sie halten die Auswirkungen des Bevölkerungswachstums für überschaubar. Das ist nachvollziehbar, denn bis jetzt ist noch nicht so viel davon dort angekommen – vor allem das Limmattal und das Glatttal sind gewachsen. Wenn nun aber im «Säuliamt» 40‘000-50‘000 Personen dazu kommen sollten, dann wird sich das Bild der Region grundlegend verändern. Ich bin überzeugt, die Stimmung würde kippen.  Die Stadt Zürich hat um die vorherige Jahrhundertwende Ortschaften wie Oerlikon oder Albisrieden eingemeindet, die inzwischen schon lange fester Teil des Stadtgebiets sind. Diesen Mindset der Eingemeindung als Prinzip der wachsenden Stadt brauchen wir – auch wenn es rechtlich keine Eingemeindungen geben wird.

 

Der Widerstand gegen Verdichtung und Urbanisierung nimmt allerorts zu. Es herrscht eine Mentalität der Besitzstandswahrung. Was tun?

Es gibt aktuell zwei Arten von Besitzstandswahrung: Viele Leute in ländlicheren, konservativeren Gemeinden haben ein negatives Bild, was Urbanisierung bedeuten würde: Die Dorfbeiz verschwindet, es gibt weniger Grünflächen, das Klima wird anonymer…

Dann gibt es aber auch in den Städten – eher im links-grünen Milieu – viele, die es sich gut eingerichtet haben; siehe Ida-Platz oder Brupbacher-Platz. Beide Gruppen lehnen Zuzug und bauliche Veränderung am eigenen Wohnort ab. In beiden Fällen ist die Haltung widersprüchlich. Sie wollen kein Wachstum, aber vom Wachstum profitieren. Die Zuzüger sollen harte – auch gutbezahlte – Jobs machen. Denn die Schweiz-Schweizer arbeiten immer weniger. Gleichzeitig sollen die Zuzüger aber bitte irgendwo im Niemandsland wohnen. Dies führt auf politischer Ebene zu fragwürdigen Allianzen zwischen rechts und links.

 

Thomas Sevcik ist Mitgründer des Special-Situations-Advisors arthesia in Zürich und berät weltweit Unternehmen, Organisationen, Städte und Regionen bei Neupositionierungen und Spezialprojekten. Er gilt als einer der Masterminds des Projektes «Autostadt» in Wolfsburg; hat Idee, Strategie und Inhalt des Airport City-Grossprojektes «The Circle» am Flughafen Zürich erarbeitet sowie die Idee «LabCampus» für den Flughafen München mitentwickelt. Thomas Sevcik war involviert in zahlreichen Projekten für Deutsche Bank, Swiss Re und für andere Grossunternehmen, Städte oder Organisationen – unter anderem eine Positionierungsstrategie für die Region Frankfurt/Rhein-Main, für die Stadt Duisburg sowie für den Boomkorridor Berlin-Südost/Flughafen BER («Neocity»). Thomas Sevcik studierte Architektur an der TU Berlin und ist regelmässiger Autor, Panelist und Kommentator.

 

Woher kommt dieses Bedürfnis nach Besitzstandswahrung?

Wir können aktuell eine gewisse generelle Wachstumsmüdigkeit beobachten. Ich denke, das hängt einerseits damit zusammen, dass die Leute denken, vom Wachstum sei nicht genügend bei ihnen angekommen. Andererseits hängt es wohl auch mit einer Verunsicherung durch CS-Untergang, Ukraine, Immigration und anderem zusammen. Ein Stadtpräsident, den ich kenne, erzählte mir von einer Bürgersprechstunde, in der der Wunsch geäussert wurde, in der Gemeinde einfach mal 10 Jahre nichts zu verändern. Sprich, die Leute wollen an ihrem Wohnort Stabilität, weil vieles anderes instabil ist; sie möchten einen Freeze.

 

Welche Entwicklung sehen Sie für die Stadt Zürich?

Ich sehe, überspitzt gesagt, nur zwei mögliche, negative Szenarien: Monaco oder Berlin.

Im Monaco-Szenario wird das Angebot nicht entscheidend weiterentwickelt. Dies führt zu einer Zweiteilung des Wohnungsmarkts. Der freie Teil wird wahnsinnig teuer. Immer mehr bleibt dieser wohlhabenden «Professionals» vorbehalten. Daneben gibt es einen stark regulierten Bereich, günstige Wohnungen für Einheimische. In Monaco ist es das Ziel, dass die eigentlichen Monegassen, die nur knapp 18 Prozent der Bevölkerung ausmachen, nicht mehr als 20 Prozent Ihres Einkommens für das Wohnen ausgeben müssen. Dafür gibt es speziellen Wohnungsbau, wie auch Subjektförderung.

Im Berlin-Szenario wird der staatliche Eingriff immer grösser, sowohl baulich als auch regulatorisch. Der Kündigungsschutz in Berlin ist massiv ausgebaut, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen ist prohibitiv erschwert. Der Mietdeckel kann in neuer Form wieder kommen. Dies führt – wie man in Berlin oder teilweise in Basel sehen kann – zu Modernisierungsstau und Unterinvestment. Die Stadt verkommt. Die Befürworter von Mietdeckelung haben nie Ost-Berlin oder Portland/Oregon erlebt.

 

Wo sehen Sie die Chancen?

Ein Umdenken würde wahrscheinlich stattfinden, wenn wir in eine Rezession geraten sollten. Die Zollpolitik der USA sowie globale Verwerfungen aber auch der Niedergang des lokalen Wealth Managements könnten unsere Pharma-Exporte sowie unsere Technologie-KMU so stark treffen, dass dies auch nicht auszuschliessen ist.

Aber natürlich hoffe ich auf Pragmatismus. Es gibt viele Studien aus unterschiedlichsten Städten, die alle das Gleiche sagen: Die Wohnproblematik löst sich auf, wenn wir viele ganz normale Mittelstandswohnungen bauen. Heute zahlen bei uns nur wenige Menschen mehr 30 Prozent des Einkommens. Wir haben aber eine «Verpfropfung», eine Illiquidität des Angebots. Die Menschen wechseln nicht in kleinere Wohnungen, da sie für weniger Wohnung mehr zahlen müssten. Hier können und müssen wir ansetzen. Im Vergleich zu anderen Städten sind bei uns die Wohnflächen pro Kopf zu hoch. Wenn wir etwas kleinere Wohnungen bauen, können wir mehr Menschen unterbringen und gleichzeitig auch die Mietpreise dämpfen.

 

Warum werden noch nicht öfter kleinere Einheiten gebaut?

Da spielen wohl verschiedene Faktoren eine Rolle. Angst, man werde die Wohnung nicht los, weil der Trend lange in Richtung zunehmender Flächen ging. Zudem sind die Bauvorschriften bei Kleinteilung akzentuiert wirksam. Dann das Problem, sich in ein Segment zu bewegen, in dem man Konkurrenz durch gemeinnützige Anbieter hat. Es zeigt sich dabei auch: In einer der teuersten Städte der Welt leben die Menschen auf grosser Fläche – das heisst, dass es sich genaugenommen – wie so oft in der Schweiz – gewissermassen um ein Luxusproblem handelt.

 

Was müsste die Politik tun?

Die Bürgerlichen müssten bauliche Anreize schaffen. Die Zonierung müsste geändert, bzw. modernisiert werden. Der Lärmschutz beispielweise kann heute auch durch moderne Fenster und Isolation gelöst werden.

 

Was halten Sie von der kommenden Wohnschutzvorlage?

Das ist die Berlinisierung, die ich vorher erwähnt hatte. Das ist tödlich. Das führt zu immer schlechterem Wohnungsbestand. Damit haben vor längerem schon Portland oder San Francisco schlechte Erfahrungen gemacht. Es ist ein Irrglaube, der Staat könne das Problem so durch Intervention lösen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch sagen: Oft wird im eher linken Spektrum Wien als Vorbild genannt. Weil der Anteil städtischer Wohnungen dort bei über 50 Prozent liegt, heisst es, die Mieten seien darum deutlich tiefer.

Das stimmt aber nur beschränkt. Auch diese Wohnungen sind teuer, denn es wird viel unter der Hand bezahlt. Zudem sind die Preise in den 40 Prozent des freien, privaten Wohnungsbestandes sehr hoch. Und ganz grundsätzlich muss man klar sagen: Die Wiener Verhältnisse wurden durch politische Weichenstellung nach Ende der Habsburg-Monarchie geschaffen. Das ist städtebaulich meilenweit von heute entfernt. Das kann man nicht aufholen, auch wenn man es möchte. Wer Wien mag, soll nach Wien ziehen.

 

Wie sehen Sie die Chancen an der Urne?

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Vorlage angenommen wird. Es wurde auch die 13. AHV-Rente angenommen. Wir können einen Trend beobachten, der in vielen Ländern Europas bereits recht ausgeprägt ist: Der Staat soll mit Leistungen zur eigenen Wohlfahrt beitragen.

 

Neu schlägt die SVP eine Ausländerklausel vor, das linke Lager hat die Expats und generell reiche Ausländer im Visier. Wie beurteilen Sie Ansätze, die versuchen, das Problem nachfrageseitig anzugehen?

In meinen Augen würden diese Ansätze unweigerlich zu einer spürbaren Senkung des Lebensstandards führen. Wir würden den «Montreal-Effekt» erleben. 1976 gewann die separatistische Partei die Wahlen in Quebec. In der Folge wurde der Gebrauch des Französischen an vielen Orten, wo vorher Englisch dominierte, vorgeschrieben. Auch wenn die Segregation nie stattfand, löste die Tatsache, dass sie im Raum stand, eine immense Verunsicherung aus. Menschen transferierten ihre Bankguthaben in andere Teile Kanadas, bedeutende Firmen wanderten ab. Das Schlimmste aber war: Rund 400‘000 vorwiegende jüngere und gut qualifizierte Einwohner verliessen Quebec. Montreal brauchte 20-30 Jahre, um wieder zu der Metropole zu werden, die sie heute ist. Montreal lauert überall.